Edward Conze:
Buddhistisches Denken -
Drei Phasen buddhistischer Philosophie in Indien.

Aus dem Englischen von Ursula Richter,
mit Nachwort und Bibliographie von Herbert Elbrecht
Frankfurt (Insel Verlag) 1988
[ISBN 3-458-14623-7]

Nachwort

Eberhard/Edward Conze
(1904-1979)

Der in London als Sohn eines deutschen Diplomaten geborene Eberhard Conze wuchs in Deutschland auf (siehe auch das Nachwort von Friedrich Wilhelm zu Edward Conze, "Eine kurze Geschichte des Buddhismus", Frankfurt 1984, und besonders Edward Conze, "The Memoirs of a Modern Gnostic", Sherborne 1979). Er studierte an den Universitäten Tübingen, Heidelberg, Kiel und Köln, wo er mit der Arbeit "Der Begriff der Metaphysik bei Franciscus Suarez", Leipzig 1928, promovierte. Mit seinem in den Jahren 1928-32 erarbeiteten Hauptwerk "Der Satz vom Widerspruch. Zur Theorie des dialektischen Materialismus", Hamburg 1932, beabsichtigte Eberhard Conze ursprünglich, sich bei E. Cassirer in Hamburg zu habilitieren. Was sich zerschlug, da Cassirer von den aufstrebenden Nazis entfernt wurde. Das Buch fand 130 Subskribenten, von den gedruckten 500 Exemplaren überlebten nur wenige die Freudenfeuer der SA bei deren Machtübernahme in Hamburg. Zur großen Überraschung des Autors fand sich im Nachkriegs-Deutschland mit dem Verlag Neue Kritik ein Reprinter, dem wir weitere 600 Exemplare verdanken.

Auch Eberhard Conze mußte 1933 (aus politischen Gründen) ins Exil; er ging in seine Geburtsstadt London, ein britischer Paß war ja vorhanden. Der "Satz vom Widerspruch" diente dem sich jetzt Edward Conze nennenden Autor als Ausgangsbasis dreier Artikel und zweier Buchveröffentlichungen. Die Artikel wurden später in den Sammelband "Further Buddhist Studies", Oxford 1975, im Kapitel Philosophischer Hintergrund aufgenommen: The Objective Validity of the Principle of Contradiction, Social Implications of Logical Thinking und Social Origins of Nominalism. Bei den beiden Büchern handelt es sich um: "The Scientific Method of Thinking", London 1935, und "An Introduction to Dialectical Materialism", London 1936.

Die ursprünglich beabsichtigte Übersetzung von "Der Satz vom Widerspruch" war nicht realisierbar. Die sich in "Spain To-day. Revolution and Counterrevolution", London 1936, niederschlagenden Erfahrungen im Spanien des aufkommenden Bürgerkrieges führten in die persönliche Krise. In diesem Zustand totalen Zweifels an sich und der Welt - der an den zur Erlangung von SATORI erforderlichen GROSSEN ZWEIFEL erinnert - kreuzte der legendäre dritte Band von D.T. Suzuki, "Essays in Zen Buddhism", London 1937, den Weg des Zweifels in Gestalt der Person Edward Conze. D.T. Suzuki war für Conze Katalysator und (später auch persönlich) Konfirmator des Sprunges aus absoluter Negation in die große Befreiung, aus dem Nihilismus ins Nichts (des aus Erleuchtung richtig verstandenen mahāyāna).

Conze versuchte sich nach 1937 noch an zwei Schriften, beides große Versuche zu rekapitulieren. Das Manuskript "Psychology of Mass Propaganda" trägt die Jahreszahl 1939, da konnte man so etwas auch in England nicht mehr veröffentlichen - es blieb ein Manuskript und hat seinen Autor überdauert. Ebenso erging es dem gigantischen Versuch, den ursprünglichen "Satz vom Widerspruch" völlig umzuschreiben unter dem Gesichtspunkt meditativer Erfahrung: "Contradiction and Reality", ein über 1.000-Seiten-Manuskript. Freunde ermöglichten den Druck eines 36-Seiten-Pamphlets gleichen Titels: "Contradicition and Reality. A Summery", London 1939. Dabei blieb's.

Nach dem Krieg debutierte Conze mit "Der Buddhismus. Wesen und Entwicklung", Stuttgart 1953, und der Anthologie "Im Zeichen Buddhas", Frankfurt 1957. Beide Werke dokumentieren die Vielfalt buddhistischer Lehrmeinungen und arbeiten die tendenziellen Streitpunkte heraus - auch die Anthologie ist schulmäßig unterteilt. Ebenfalls einführenden Charakter haben "Eine kurze Geschichte des Buddhismus", Frankfurt 1984, und die entsprechende Anthologie "Buddhist Scriptures", Baltimore 1959, die beide die zentralen Themen buddhistischer Tradition darstellen unter Absehung von mehr peripheren Aspekten.

Conzes Hauptwerk der Nachkriegszeit ist zweifelsohne das hier in deutscher Übersetzung vorgelegte "Buddhistisches Denken. Drei Phasen buddhistischer Philosophie in Indien". Man könnte von dem Standardwerk über die Philosophie des Buddhismus sprechen - eine entschiedene prāsangika-Interpretation. Die zugehörige Anthologie "Buddhist Meditation", London 1956, ist größtenteils ein Auszug aus Buddhaghosas "Visuddhimagga", von dem Conze in seinem Vorwort (S. 25) sagt: "Wenn ich nur ein Buch mit auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, dies wäre das Buch meiner Wahl." Da der "Visuddhimagga" in der ausgezeichneten Übersetzung von Nyanatiloka ("Der Weg zur Reinheit", 3. Aufl. Konstanz 1975) vorliegt, verweisen alle Belegstellen von "Buddhistisches Denken" auf Nyanatiloka.

Zu einem der bedeutendsten Buddhologen dieses Jahrhunderts wurde Conze vor allem durch seine bahnbrechenden Arbeiten zur prajñāparamitā-Literatur. Als Herausgeber und Übersetzer schuf er großenteils erst den wissenschaftlichen Apparat zum Zugang dieser zentralen mahāyāna-Texte. Mit den drei Bänden "Short Prajñāparamitā Texts", "Perfection of Wisdom in 8.000 Lines" and "Large Sutra on Perfect Wisdom" liegen praktisch alle Texte in Übersetzung vor. Sein "Buddhist Wisdom Books" ist eine kommentierte Übersetzung der beiden (auch) historisch wichtigsten Texte, die durch die Anthologie "Selected Sayings from the Perfection of Wisdom" aufgerundet werden.

Eine Auswahl der wichtigsten Artikel von E. Conze liegt in den beiden Bänden "Thirty Years of Buddhist Studies" und "Further Buddhist Studies" vor. In ersterem findet sich der resümierende Artikel Recent Progress in Buddhist Studies - siehe dazu auch J.W. de Jong, "A Brief History of Buddhist Studies in Europe and America" (The Eastern Buddhist VII 1974) und "Recent Buddhist Studies in Europe and America" (The Eastern Buddhist XVII 1984). Ebenfalls in diesen Band aufgenommen wurden zwei Artikel, die in deutscher Übersetzung von Margarete Deuring vorliegen: Die buddhistische Philosophie und ihre europäischen Parallelen (Yana XVIII 1965) und Unechte Parallelen zur buddhistischen Philosophie (Yana XIX 1966).

Eberhard/Edward Conze starb 1979 in England nach Veröffentlichung seiner "Memoirs of a Modern Gnostic" - You can never do anything which does not do itself. (II/65)

Herbert Elbrecht

Klappentext

"Es wird von einem Buddhisten erwartet, an-
deren nicht dadurch Gewalt anzutun, daß er
ihnen seine Ansichten aufzwingt. Das Prinzip,
die Würde des Anderen nicht anzutasten, wird
damit zu einem entscheidenden Gesichts-
punkt der Verkündigung einer Lehre."
Edward Conze


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