Dōgen-Zen:
Kleine Schriften der Sōtō-Schule.

Aus dem Japanischen übersetzt von
Heinrich Dumoulin und Emil Naberfeld,
mit Einführung von Heinrich Dumoulin
herausgegeben von Herbert Elbrecht
Zürich (Theseus-Verlag) 1990
[ISBN 3-85936-040-X]

Nachwort

Buddhistisches (wie überhaupt indisches) Denken sieht nach Edward Conze in den yoga-Erfahrungen das eigentliche Rohmaterial für eine philosophische Betrachtung der Welt wie sie wirklich ist. Was für den modernen Westen die Naturwissenschaft, ist für den traditionellen Osten die yogische Meditation. Diese verlangt, "daß bestimmte Dinge gemacht werden. Da gibt es die bekannten Atemübungen, die in bestimmten Körperpositionen ausgeführt werden müssen. Von gewissen Nahrungs- und Rauschmitteln hat man sich zu enthalten. Man muß auf nahezu alles persönliche Eigentum verzichten und soll die Gesellschaft anderer Menschen meiden. Erst nachdem die über längere Zeit betriebene körperliche Zucht den Leib für künftige Aufgaben gefügig gemacht hat und eine gewisse abgeklärte Bereitschaft für die Bedingungen eines einsiedlerischen, heimatlosen Bettlerlebens erreicht wurde, ist der Geist imstande, mit der eigentlichen yogischen Arbeit zu beginnen. Diese besteht darin, die Aufmerksamkeit systematisch von den Sinnesobjekten abzuwenden. Was könnte nun Ziel und Ergebnis einer solchen Handlung anhaltender Selbstversenkung sein - wie sie so überzeugend durch Bodhidharma ausgeführt wurde, der neun Jahre lang mit gekreuzten Beinen unbeweglich vor einer grauen Mauer saß? Alle Adepten des yoga, trotz theologischer und philosophischer Differenzen, stimmen darin überein, daß diese Praktiken zu einem Zustand innerer Ruhe (śamatha) führen, ... einem Zustand ruhigen Stilleseins, worin einen Menschen sorgloses Behagen, Seligkeit und Glück erfüllen." (Buddhistisches Denken, S. 16f)

Nach dem japanischen Tendai-Gelehrten Shindai Sekiguchi fußt nun nicht nur Dōgens Vorlage, das Tso-ch'an i des Tsung-tse (o.J.) - das erste überlieferte Meditationsbuch der Zen-Tradition - sondern eigentlich das ganze hiermit inaugurierte Genre von Manualen (samt Dōgens Fukanzazengi und Keizans Zazenyōjinki) auf dem Hsiao chih-kuan (śamatha-vipaśyanā für Anfänger) des Begründers der chinesischen T'ien-t'ai-Schule, Chi-i (538-597). Allerdings werden in der Zen-Tradition dann nur die rein praktischen Anweisungen zur Meditation der Stille übernommen, von der komplexen T'ien-t'ai-Metaphysik - nach Chih-i Gegenstand aktiver vipaśyanā-Meditation - wird abgesehen und das Schwergewicht ausschließlich auf den śamatha-Aspekt gelegt. Urteilsenthaltung und lediglich rein passives Aufmerken der Gedanken, wie sie kommen und gehen, ähneln sehr stark den traditionellen Aufmerksamkeitsübungen im Theravāda-Buddhismus.

Um einen Eindruck von Dōgens spiritueller Metaphysik zu bekommen, muß man daher auch seine anderen Schriften heranziehen. Eine gute Ergänzung zu Dōgens shikan taza bieten ferner neben den Schriften von Bielefeldt (1988) und Heinemann (1979) vor allem die Darstellungen von Heinrich Dumoulin (1976 und 1985/6). Von Sekiguchi (1974) liegt andererseits in deutscher Übersetzung eine moderne Paraphrase des Hsiao chih-kuan vor, die auch in der Bibliographie Erwähnung findet. Von den anderen drei Übersetzungen dieser grundlegenden Schrift von Chih-i fußen zwei auf der englischen Version von Wai-tao und Dwight Goddard aus dem Jahre 1934: im Gegensatz zu Muralt (1958) fand Chi-chi (1960) allerdings erst auf dem Umweg über das Französische in die deutsche Sprache. Die dritte Übersetzung stammt aus dem Englischen von Lu K'uan Yü (Charles Luk).

Als Dōgen sich zur Klärung nach China begab, hatte er als T'ien-t'ai-Schüler (wie es heißt) den chinesischen buddhistischen Kanon schon zweimal durchgearbeitet; sein gesellschaftliches Umfeld tat ein übriges zur Schärfung seines Problembewußtseins. Beide Faktoren sind für einen modernen Menschen in der Form nicht mehr präsent, eine ernsthafte Beschäftigung mit der Welt des yoga und Zen somit ungleich komplizierter. Die Bibliographie enthält daher auch eine Auswahl maßgebender Arbeiten auf diesem weiteren Feld.

Herbert Elbrecht

Quellen

1. Fukan zazen gi [Taishō shinshū daizōkyō 82/#2580: 1a-2b]
2. Zazen yōjin ki [Kokuyaku zenshū sōsho I/VIII: 495-518]
3. (Sōtō kyōkai) Shushō gi [Sōtōshū kōgi VI: 3-90 & 93-566]


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